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Dominik Schebach, 11.8.2016

Über die Grundlagen unserer Entscheidungen

Garbage in, Garbage out

Zuerst einmal vorneweg: Die Entscheidung der Briten zum Austritt aus der EU hat mich ziemlich betroffen gemacht. Aber noch mehr bin ich darüber erschüttert, dass viele der Briten offensichtlich es nicht der Mühe wert fanden, sich vorher über die möglichen Folgen ihrer Entscheidung zu informieren, sondern erst nachher im Netz darüber zu recherchieren begannen, worüber sie denn da eigentlich abgestimmt haben.

Nicht nur das, sondern dass sich viele der Diskussion nicht stellten und fundierte Warnungen einfach als „Projekt Angst“ feindlich gesinnter Experten abtaten, weil ihnen die Informationen nicht passten, und sie schließlich aus Frust über innenpolitische Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte gegen die Mitgliedschaft des Königreiches in der Europäischen Gemeinschaft stimmten. Ok, die Entscheidung ist gefallen. Großbritannien und Europa werden damit leben müssen. Es ist allerdings bezeichnend, dass inzwischen einzelne Politiker auf der Insel die Meinung vertreten, dass das oft gescholtene „Projekt Angst“ in Wirklichkeit ein „Projekt sachtes Understatement“ gewesen sei.

Leider kommt es immer wieder vor, dass wir Informationen aus den Medien, gut gemeinte Ratschläge von Freunden, Expertenmeinungen, oder auch harte wirtschaftliche oder naturwissenschaftliche Fakten, ja selbst unsere eigene unmittelbare Erfahrung einfach ignorieren. Die Gründe dafür sind vielfältig. Oft hängt es aber damit zusammen, dass entweder das Problem scheinbar so groß ist, dass wir es aktiv verdrängen, weil wir es nicht lösen können/ wollen, oder die Lösung unserem Weltbild widerspricht, und wir deswegen auch das Problem leugnen. In der Regel funktioniert das so lange, bis die Realität diese Gedankenblase zerstört. Das ist dann aber meistens sehr schmerzhaft – emotional, wirtschaftlich und leider oft auch physisch. In der IT gibt es den alten Spruch „Garbage in, Garbage out“ – „Mist rein, Mist raus“. Wenn die Basis, auf der wir unsere Entscheidungen treffen, nicht stimmt, dann kann auch das Endergebnis nicht richtig sein. Selbst wenn wir in der Vergangenheit immer wieder mit unseren falschen Annahmen durchgekommen sind, so waren das nur Zufallstreffer. Irgendwann holt uns die Wirklichkeit ein und besonders die Physik ist dann ein Hund. Wer kennt nicht den Spruch: „Die Kurve geht mit 120“.

Das heißt jetzt nicht, dass wir erstarren und keine Entscheidungen mehr treffen sollen. Aber wir sollten wohl regelmäßig darüber nachdenken, ob die Grundlagen unserer Entscheidungen noch stimmen. Nur wenn wir bereit sind, lang gehegte Annahmen auch einmal über den Haufen zu werfen, andere Fernsehsender auswählen, unser Leben einmal mit den sprichwörtlichen anderen Augen sehen und schließlich den Experten mit Skepsis aber nicht voreingenommen begegnen, können wir neue Erkenntnisse gewinnen. – Klingt großartig. Ähnlich dem Aufruf, eine neue Physik zu schaffen, um in einem revolutionären Wurf das Universum neu zu erklären. Aber gerade darum geht es nicht. Es geht um das Alltägliche, auf das wir uns so gern verlassen, aber niemals ernsthaft überprüfen - bis es zu spät ist.

Dominik Schebach, 11.8.2016