spacer gif

Walter Boltz fordert die Neuausrichtung der Ökostrom-Förderung. (©E-Control, Foto: Anna Rauchenberger)

Wolfgang Schalko, 17.2.2015

Aktuelles System in Frage gestellt

E-Control-Chef Boltz will Forschen statt Fördern

In einem Interview in der gestrigen Ausgabe der Tageszeitung „Der Standard” erklärte Walter Boltz, Geschäftsführer des Energieregulators E-Control, die „Einschätzungen der Erneuerbaren” für „falsch”: Ein drohender Engpass an (fossiler) Energie sei ebenso wenig feststellbar wie eine stetige Verteuerung der Preise für Öl, Gas oder Kohle. Daher will Boltz die Neuausrichtung der Ökostrom-Förderung und statt Fixtarifen fürs Einspeisen mehr Geld für die Forschung.

Die gewaltigen Umwälzungen auf den internationalen Energiemärkten, von denen der beispiellos rasche und ebenso tiefe Absturz der Rohölpreise zeuge, lasse keinen Stein auf dem anderen. „Unsere Einschätzungen und Annahmen bezüglich erneuerbarer Energien waren schlicht falsch”, sagte E-Control-Chef Walter Boltz im Standard-Interview.

Ansichten, die einer breiten Öffentlichkeit bis vor kurzem als unumstößliche Wahrheit galten, seien mehrfach widerlegt. Dazu gehöre die Vorstellung, die Menschheit steuere eher früher als später auf einen Energieengpass zu, weil die fossilen Energien zur Neige gingen. Tatsächlich gebe es durch den Hype rund um Schieferöl und Schiefergas in den USA so viel schwarzes Gold auf den Märkten wie noch nie. Auch die Ansicht, die Preise für Öl, Gas oder Kohle würden nur eine Richtung – nach oben – kennen, sei ein Trugschluss. Das zeige nicht zuletzt der seit vergangenem Sommer mehr als halbierte Rohölpreis. Der werde so rasch auch nicht mehr alte Höhen von 100 Dollar je Fass (159 Liter) oder mehr erreichen, so Boltz und plädierte: „Statt das System fixer Einspeisetarife zur Förderung von Wind- und Solarenergie oder Strom aus Biomasse fortzuschreiben oder allenfalls marginal zu ändern, sollten wir einen Schlussstrich unter diese Art der Förderung ziehen." Die vielen Milliarden Euro, die man sich dadurch allein in Österreich über die Jahre ersparen würde, sollten dafür verstärkt in die Erforschung und Entwicklung hocheffizienter Technologien gesteckt werden.

Fracking als Alternative

Dass die Förderung von Schieferöl und Schiefergas wie eine Blase platzen könnte, wegen des Preisverfalls bei Öl und Gas noch dazu viel früher als von Skeptikern so und so erwartet, glaubt Boltz nicht. „Was von vielen Analysten nicht gesehen wird, ist die Kostenflexibilität der Branche nach unten. In den vergangenen Jahren gab es durch den Boom einen enormen Kostenauftrieb bei Förderanlagen, Sand, Chemikalien und Personal. (…) Wo die Untergrenze liegt, wird sich zeigen.” Das und der Umstand, dass in vielen Teilen der Welt die Förderung von unkonventionellem Öl und Gas noch gar nicht in Angriff genommen wurde, zeigten, dass es fossile Energieträger wohl noch lange geben werde, schlussfolgerte Boltz.

Die Minderung des CO2-Ausstoßes sollte zum primären Politikziel erklärt werden, in Europa und möglichst darüber hinaus. Die Erreichung von Vorgaben sollte jedoch den einzelnen Ländern überlassen werden. Damit könnten, müssten aber nicht Vorgaben für erneuerbare Energien gemacht werden.

Geteilte Meinungen

Höchst kontroversiell gestalteten sich zu diesem Interview die Kommentare auf der Webseite des Standard.

Während die eine Seite Boltz beispielsweise „als Geschäftsführer und Fachmann im Energieregulatorwesen” als „bestens qualifiziert” bezeichnete und ihm attestierte „Er weiß, wovon er spricht und so sind sicherlich auch seine Erfahrungen, was das Fracking betrifft”, fand die Gegenseite völlig andere Worte. „Hrn. Boltz über erneuerbare Energie zu befragen ist so wie wenn man sich von einem Trafikanten über Lungenkrebsprevention beraten lässt” war ebenso zu lesen wie „Man greift sich an den Kopf angesichts derartiger Kurzsichtigkeit.”

Wolfgang Schalko, 17.2.2015