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Wolfgang Schalko, 10.12.2014

Multimedia-Kommentar E&W 12/2014

Ein- und Aussichten

Falls Sie es noch nicht wissen sollten: Der von Verteidigungsminister Gerald Klug geprägte Begriff „situationselastisch“ ist das Wort des Jahres 2014. Und zwar, weil sich das Wort aufgrund seiner Mehrdeutigkeit und begrifflichen Vielfältigkeit zwischenzeitlich von einem potenziellen Unwort zu einem geflügelten Wort entwickelt habe, begründete die Jury ihr Urteil.

Man muss sich „situationselastisch" dabei ein paar Mal abwechselnd auf der Zunge und der Hirnrinde zergehen lassen, damit das Wort seine volle Wirkung entfalten kann – und um zu erkennen, wie treffend es sich auch zur Beschreibung des Zustandes der UE-Branche eignet.

Im Zuge des alljährlichen E&W-Jahresrückblicks lieferte CE-Forumssprecher und HB-Chef Christian Blumberger folgende Einschätzung: Durch das veränderte Kaufverhalten hat sich auch die Margensituation im Handel total verändert. Diese hat sich in den letzten drei Jahren für die Hardware (TV, Player, etc.) halbiert. Das heißt : Jeder Händler, der nicht in der Lage ist, seine Marge durch Zusatzverkäufe, die er durch sein Know How macht – sei es Dienstleistung, wie Auf- und Zustellung, Garantieverlängerung oder Zubehörverkauf – aufzubessern, wird an der Kostenstruktur, die die meisten Händler nicht mehr nach unten anpassen können, scheitern und nicht lebensfähig sein. Viele werden sich aus der UE verabschieden und ihr Heil in Weißware oder Installation suchen, was aber für den Kunden bedeutet, dass dieser Händler dann nur mehr ein eingeschränktes Produktportfolio hat und deshalb uninteressant wird... Sprich: Dieses Szenario ist eine Einbahnstraße. Die Lösung ist klar: Hybridhändler zu werden – so rasch wie möglich – und seine Dienstleistung zu verkaufen, denn Know-how kostet Geld. Die IT Branche lehrt uns seit Jahren, wie es funktionieren kann. Zu einer sinngemäß nicht abweichenden Einschätzung kam auch JVC-Vertriebsleiterin Sabine Pannik: „Man muss für immer weniger Ergebnis immer mehr Arbeit und Leistung investieren – das ist leider so." Und Baytronic-GF Franz Lang meinte ebenfalls, dass man sich ständig neu orientieren müsse – als Hersteller genauso wie als Groß- und Fachhändler.

Versuchen Sie nun, einzelne Worte oder ganze Passagen durch „situationselastisch" zu ersetzen... Außer Frage steht: Stillstand im Sinne von Zurücklehnen ist zum absoluten No-Go geworden, wer nicht ständig – proaktiv (!!) – in Bewegung bleibt und sich flexibel auf die aktuellen sowie zukünftigen Anforderungen einstellt, ist hoffnungslos zum Scheitern verurteilt. „Situationselastisch" könnte, missbräulich verwendet, aber auch als die prägnantere und salonfähigere Variante jener Phrase erhalten bleiben, die – im Sinne des bloßen eigenen Vorteils – als „sich etwas so hindrehen wie man es gerade braucht" ohnehin an einem etwas angekratzten Image leidet. Der Begriff ließe sich dann als Unwort des Jahres 2015 wiederwählen.

Wolfgang Schalko, 10.12.2014