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Bettina Paur, 17.6.2013

Hintergrund-Kommentar E&W 6/2013

Katastrophenstimmung

Katastrophen, wie die Hochwasserthematik, führen den Menschen zwei Dinge vor Augen: Einerseits, dass die Natur nach wie vor das Sagen hat, und das ist meines Erachtens auch gut so. Andererseits, dass man die meisten Dinge erst zu schätzen weiß, wenn man sie nicht mehr hat. ÖRK-Bundesrettungskommandant Gerry Foitik bat um Sachspenden für die Hochwasser-Opfer, vor allem um „Elektrogeräte wie Waschmaschinen, Kühlgeräte, Kochherde, die wirklich wichtig für den Alltag sind", wie er betont.

 Ich möchte hier nicht zynisch wirken – wir alle haben die Bilder der überfluteten Regionen gesehen, viele haben die Wassermassen selbst miterlebt. Jene, die nicht betroffen sind, fühlen mit den tausenden Menschen mit, die diese großen Verluste hinnehmen und sich zwangsläufig wieder aufrappeln müssen – viele davon nicht zum ersten Mal.

Auf der anderen Seite stelle ich mir aus gegebenen Anlass wieder die Grundsatzfrage, wenn man sich in unserer westlichen Welt ohne diese Elektrogeräte kaum noch „lebensfähig“ fühlt – und jede Mutter von zwei Kindern wird alles daran setzen, eine kaputte Waschmaschine reparieren oder ersetzen zu lassen – warum die Branche nach wie vor die Preise senkt. Ich meine damit natürlich nicht die punktuelle Hilfestellung von Handelsverbänden oder Herstellern für  Hochwasser-Opfer. Das ist eine gute Tat, die zudem noch dem eigenen Marketing hilft. Ich spreche vom generellen Preisverfall. Geiz ist geil, schrie die Fläche. Ich bin mir nicht sicher, wie geil die Kollegen die Marktlage wirklich noch finden.

Jüngst bohrte meine Freundin Edith an einem Sonntag ein Wasserrohr an, der Installationsnotdienst hätte sie fast ein halbes Monatsgehalt gekostet, mokierte sie sich. Gezahlt hat sie natürlich trotzdem, was blieb ihr anderes übrig. Gäbe es in einer fiktiven Welt nur einen Anbieter von Waschmaschinen, dann könnte dieser Revolten auslösen und ganze Regierungen stürzen. So tummeln sich aber viele Fische mit unterschiedlichen Strategien im Teich, die sich gegenseitig in eine Spirale hineinmanövriert haben, aus der kaum noch jemand rauskommt. Der schwächelnde TV-Markt beweist die Misere sehr gut. Wenngleich für manch Konsumenten „in ruhigen Zeiten“ kaum ein größeres Unglück vorstellbar ist, als wenn „das Kastl“ direkt zum Anpfiff den Geist aufgibt oder die Kaffeemaschine frühmorgens spinnt. Vom „Amputationsgefühl“, wenn das Handy nicht funktioniert, ganz zu schweigen. Vielleicht stellt sich irgendwann die allgemeine Erkenntnis ein, dass Geräte, die wirklich wichtig sind, gekauft werden – einfach weil man sie braucht, und nicht, weil sie billig sind. Dass sich bei niedrigen Preisen keine Reparatur lohnt. Und dass man Geld nicht essen und rein von hohen Stückzahlen auch nicht leben kann.

Bettina Paur, 17.6.2013