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Günter Lischka, Senior Head of Marketing, behält für Drei die neuen Trends in Sachen User Interface im Auge.

elektro.at am Sonntag - KW 29:

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Zukünftige Trends in der Telekommunikation
„Smartphones: Nach dem Zustand der Verklärung"

Dominik Schebach, 23.7.2017
Henry David Thoreau
Zitat zum (Sonn)Tag

Andreas Rockenbauer, 23.7.2017
Nachtrag zu Magic Moments...
Viel heiße Luft

Andreas Rockenbauer, 23.7.2017
Aus der Seele gesprochen
Blick aus einem anderen Fenster

Wolfgang Grasl, S. Bruckbauer, 23.7.2017
Gedanken zum Tag
Und plötzlich steht die Cobra vor der Tür

Stefanie Bruckbauer, 23.7.2017
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Dominik Schebach, 23.7.2017

Zukünftige Trends in der Telekommunikation

„Smartphones: Nach dem Zustand der Verklärung"

Das sich ändernde Kommunikationsverhalten der Endkunden, die neue Möglichkeiten mit smarten Assistenzsystemen, Sprachsteuerung und neuen Interfaces berührt natürlich auch die Geschäftsmodelle der Netzbetreiber. Für die E&W 7-8/2017 sprachen wir mit Günter Lischka, Senior Head of Marketing von Drei, der für den Betreiber die neuen Trends der Mobilkommunikation im Auge behält. Lesen Sie hier das gesamte Interview

E&W: Trends wie Sprachassistenten mit künstlicher Intelligenz aber auch Diskonter versprechen weiterreichende Veränderungen im Telekom-Markt. Das Smartphone verliert seine beherrschende Stellung, neue Dienste werden populär. Wie beurteilt man aus Netzbetreibersicht diese Entwicklung?

Lischka: Der Markt ändert sich ständig. Aber Sprachassistenten sowie Diskonter sehe ich nur als zwei Seiten derselben Medaille. In dem Moment, in dem das Produkt zu einer Standard-Box heruntersinkt, können Betreiber und Handel keinen Mehrwert mehr bieten. Das können die Diskonter besser. Wenn meine Leistung darin besteht, eine Schachtel zu verkaufen, weil der Kunde so oder so schon genau weiß, was er will und das möglichst billig, dann ist der Diskonter am Zug. Das Smartphone ist auf dem Weg zum Diskont-Produkt. Das liegt am Lebenszyklus der Produkte. Wenn etwas so bekannt wurde, dass ich keine Beratung mehr benötige, und nichts mehr Magisches an sich hat, dann hat es denselben Stellenwert wie 28cm Teflon-Pfannen und wird beim Diskonter gekauft. Mit neuen Diensten wie Assistenzsystemen mit künstlicher Intelligenz entstehen dagegen neue Möglichkeiten für Netzbetreiber und Handel.

Damit kommen wir zum Smartphone und den neuen Assistenten: Durch die technische Entwicklung mit künstlicher Intelligenz sind die Sprachsysteme derzeit stark im Kommen. Aber der Vergleich „Smartphones gegen Alexa“ ist meiner Meinung nach der falsche Vergleich. In Wahrheit ist Sprachsteuerung nur ein neues User Interface, das jetzt immer mehr an Boden gewinnt. Mit den Assistent-Funktionen gewinnt das eine weitere zusätzliche Dimension. Voice ist in dieser Hinsicht eine Bereicherung für das Smartphone. Aber nicht nur für dieses. Es geht mehr um „Personal/Mobile versus Home Use“. Wir erhalten zusätzliche Möglichkeiten der Kommunikation.

E&W: Derzeit wird aber in der Wahrnehmung der Endkonsumenten die Kommunikation durch das Smartphone dominiert. Was wird sich hier ändern?

Lischka: Bisher war das Smartphone mit seinem Touchscreen-User-Interface das Steuerungsgerät für viele Anwendungen. Jetzt löst sich der Schleier der Verklärung – und der eigentliche Dienst tritt mehr und mehr in den Mittelpunkt der Überlegung. Ein Beispiel: Vor fünf Jahren war meine Waage bereits Bluetooth-fähig und mit meinem Smartphone verbunden. Dort sah ich meine Werte, konnte Trends ablesen usw – damit entstand die Illusion, dass das Smartphone der Mittelpunkt unseres digitalen Lebens. Es geht aber in Wirklichkeit um den Dienst. Der liegt in der Cloud und die Ausgabegeräte werden vielfältiger. Um beim Beispiel der Waage zu bleiben. Die hat heute ihre eigene Connectivity und ich kann mir meine Daten über viele verschiedene Kanäle holen. Damit ist Alexa nur ein neues Interface zu meinen Diensten.

Damit das funktioniert benötigen die Sprachassistenten zwei Voraussetzungen: Einerseits die Fähigkeit, Sprache in Text zu übersetzen. Das gibt es schon länger. Und dann benötigt es leistungsfähige AI, um den Text zu „verstehen“ und in den richtigen Kontext einzubetten. Damit brauche ich nicht mehr das Smartphone mit seinem Screen.

E&W: Aber das Mobilfunk-Geschäft hängt sehr stark am Smartphone. Viele Aktionen werden mit der Hardware verknüpft usw. Welche Auswirkungen gibt es aus Netzbetreibersicht, wenn das Smartphone seine Bedeutung verliert?

Wir kaufen Smartphones zu. Dh, wir kontrollieren nicht das Produkt. Wir produzieren sie nicht, weil das andere besser können. Hardware per se ist für uns kein Mehrwert. Bei den Diensten hatten wir etwas mehr Kontrolle. Doch die sind inzwischen vollkommen demokratisch geworden. Heute können die Endkunden ihre Dienste überall beziehen.

Wir sollten unsere Leistung nicht kleinreden: Wenn man die Entwicklung über einen längeren Zeitraum betrachtet, dann haben wir – Handel und Betreiber – diesen Markt etabliert. Mobilfunk das war großartig, heute ist es selbstverständlich. Andererseits: Es gab auch einmal einen festgesetzten Preis für Mischbrot. Heute ist die Vielfalt höher und der Brotpreis ist gestiegen. Es geht um die Vielfalt der Dienste sowie der Produkte und wir müssen die Zielgruppen finden, die für den Mehrwert bereit sind zu zahlen.

E&W: Zurück zur technischen Entwicklung, den neuen UI und den damit verbundenen Marktveränderungen. Wo findet sich der Betreiber hier wieder?

Die Full Service-Betreiber stellen noch immer die technische Infrastruktur. Das ist nicht trivial. Da passiert gewaltig viel, von Forschung bis zu großen Investitionen in den Ausbau, und die Rolle wird auch in Zukunft erhalten bleiben. Dann gibt es eine zweite Ebene: Über der Infrastruktur müssen wir einen Mehrwert schaffen und dafür sorgen, dass dieser auch transportiert wird. Das Paradebeispiel ist hier IoT. ALEXA ist für mich nur ein erstes Beispiel dafür, wie IoT in unser Leben eindringt und Gegenstände mit uns interagieren werden. Dazu braucht es Connectivity. – Da kommen wir und der Handel mit unserer Dienstleistung ins Spiel.

E&W: Wie kann man sich das vorstellen?

Derzeit erfolgt die Vernetzung beim Endkunden in erster Linie über WLAN. Das stößt aber bereits an die Grenzen – wegen dem Spektrum, das wird besonders im verbauten Gebiet knapp. Gleichzeitig müssen immer mehr Geräte vernetzt werden. Wenn man davon ausgeht, dass wir in Zukunft in jeder Wohnung 50 IoT-Geräte haben und diese alle mit WLAN vernetzt sind, dann wird auch ein Router-Tausch eine Qual. Der Endkunde müsste sein gesamtes Smart Home neu konfigurieren. – Die wenigsten Endkunden wären dazu in der Lage. Handel und Betreiber kämen nicht mit den dem Service nach.

Als Netzbetreiber setzen wir auf 5G. Damit können alle Geräte direkt in der Cloud sein und jeder Benutzer hätte sein Cloud-Account, über das alle Geräte des Benutzers miteinander verbunden sind. Wenn ich zum Händler gehe, um z.B einen intelligenten Kühlschrank zu kaufen, dann können Verkäufer am POS nicht nur den Kunden beraten, sondern das Gerät auch gleich konfigurieren und damit in meine Smart Home-Cloud einbindet, den bevorzugten E-Commerce-Shop einstellt und z.B. die automatischen Einkaufsregeln für die Milch festlegen. Der Kunde muss dann zu Hause das Gerät nur noch anstecken und der Kühlschrank vernetzt sich selbst mit meinem Smart Home samt Assistenzsystem.

Dh, Wertschöpfung passiert in Zukunft nicht nur bei der Hardware, sondern noch viel mehr in der Dienstleistung, um das Gerät Smart Home-fit zu machen. Und ich hoffe, der Handel zieht hier mit, denn die großen IT-Giganten werden es auf jeden Fall tun. Und sie haben die Daten der Kunden dazu: Wenn ich eine Alexa kaufe, dann begrüßt mich der Assistent, wenn ich ihn das erste Mal einschalte bereits mit Namen.

E&W: Aber gerade die Internet-Giganten wie Amazon oder Google haben hier einen Startvorteil gegenüber dem Handel. Wie kann man da dagegenhalten?

Es ist aber genauso vorstellbar, dass es in Zukunft generische Assistenten zu kaufen gibt: personalisiert auf den Kunden, unabhängig von den IT-Riesen. Aber wenn ich das kaufe, dann muss der mich beim ersten Aktivieren mit Namen begrüßen. Das müssen Handel und Betreiber gemeinsam angehen und die notwendigen Produkte entwickeln. – Und irgendwann ist auch das wieder ein Diskontprodukt.

Im Moment ist die Entwicklung bedrohlich. Aber langfristig ist das der Gang der Dinge. Nur wer immer wieder aufs neue Wertschöpfung schafft, hat eine Berechtigung. Das zeigt uns selbst das Smartphone. Würden wir heute noch das Nokia 6230 verkaufen, dann wäre der gesamte Mobilfunk-Markt bereits in der Hand der Diskonter.

E&W: Welche Plattformen wird es in Zukunft neben dem Smartphone geben?

Alles, was Strom hat, kann vernetzt und über die Cloud gesteuert werden. Aber das Smart Home muss einen Mehrwert bieten. Wenn ich bei einer Unterbrechung der Verbindung nicht mehr das Licht andrehen kann, dann hilft mir das Smart Home auch nichts. Da merkt auch den Endkonsument schnell, wo die Grenzen sind. Deswegen wird gute Beratung auch in Zukunft gebraucht.

E&W: Wenn das Smartphone aber ein vernetzter Device unter vielen ist, wie sieht es da mit dem Handel aus?

Auch der gemeinsame Vertrieb muss sich natürlich weiter entwickeln. Wir machen uns dieselben Gedanken wie der Handel. Wie kann man die Vorteile des POS/Stores erlebbar machen. Da bauen wir auch auf die Innovationskraft des Handels. Der Handel hat einen anderen Blickwinkel als die Betreiber und die besten Ideen werden sich durchsetzen.

E&W: Welche technischen Entwicklungen lassen sich auf der UI-Seite noch erwarten?

Lischka: Sprache ist nur eine Form der Interaktion. Mich würde es nicht überraschen, wenn wir in Zukunft über Augmented Reality mit Maschinen interagieren. Gesten usw bieten nochmals andere Möglcihkeiten der Interaktion. Aber für das erste ist einmal Sprache der nächste Schritt. Virtual Reality und Augmented Reality sind noch nicht so weit. Sprache ist dagegen an der Schwelle zum Massenmarkt.

Wo es noch hakt, ist bei der Artifical Intelligence. Die ist noch nicht so weit, dass sie immer den Kontext erfasst. Aber das wird sich schnell ändern. Andererseits müssen da noch einige Grundlagen geschaffen werden. Wenn z.B. alle unsere Geräte immer mithören, um den Kontext zu erfassen, dann ist das datenschutzrechtlich höchst bedenklich. Da müssen noch die Grundlagen geschaffen werden. Theoretisch ist aber vieles möglich.

Sobald genügend Kunden den Nutzen erkennen, erwarten weitererzählen, werden diese zusätzlichen Sprachsystem, Assistenten Smart Homes-Systeme Standard. Da muss man zB. nicht auf 5G warten. Denn Technik alleine bringt keinen Nutzen. Die User werden vielmehr nach und nach darauf einsteigen. Denn schlussendlich entscheiden die Menschen, ob sie bereitwillig für etwas zahlen, oder nicht. Die beste Technologie und Konzept hilft nichts, wenn sie am Markt vorbei geht.

E&W: Noch eine Frage zu den Diskontern. Es scheint, dass die Diskonter immer mehr den Markt treiben und der Markt dieses Jahr extrem hektisch und kurzfristig geworden ist. Wie stellt sich das aus Betreibersicht dar?

Lischka: Es gibt keine Pausen mehr. Der Druck auf die Betreiber ist extrem groß. Wir haben extrem viel Geld investiert. Da lassen wir uns nicht die Butter vom Brot nehmen. Damit entsteht auch eine neue Dynamik im Markt. Ruhige Zeiten wird es da so schnell nicht mehr geben. Aber man darf als Betreiber nicht nur kurzfristig, von einer Promotion zur nächsten, agieren. Wir müssen nachhaltige Werte schaffen. Deswegen verfolgen wir konsequent zusätzliche Produkte wie 3TV.

Natürlich nimmt man die marktschreierischen Aktionen stärker wahr, aber die langfristigen Strategien bestehen weiterhin fort. Langfristig geht alles in Richtung Dienste. Alles rund ums Haus wie zB 3TV als Fernsehen der Zukunft usw. Denn inzwischen ist jeder gut mit Mobilfunk versorgt. Jetzt müssen wir diese Leistungen auch auf andere Bereiche  wie das tägliche Heim ausdehnen. Denn es wird gefährlich, wenn wir die Diskonter nicht mitdenken. Deren Konzepte haben ihre Berechtigung. Deswegen müssen wir uns frühzeitig differenzieren.

Dominik Schebach, 23.7.2017