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Österreichs Insiderblatt für die Elektrobranche | Dienstag, 21. November 2017
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Andreas Rockenbauer, 15.5.2013

Editorial 4/2013

Pferdefleisch im Flat-TV?

Ich gebe zu, dass ich mir die Hände gerieben habe bei dem Gedanken an die spaßige Fingerübung. Ein Editorial über die geplante Obsoleszenz würde mir, so war ich überzeugt, die Verfechter der absurden Verschwörungstheorie anstrengungslos vor das journalistische Fadenkreuz treiben, und ich bräuchte nur mehr draufloszuballern.

Nach einem ausführlichen Waldspaziergang mit Bobby, meinem Labradorrüden, und jeder Menge Zeit zur Reflexion habe ich mir vorgenommen, mich nicht bloß derselben billigen Polemik zu bedienen und blindwütig auf die medialen Trittbrettfahrer allerorts loszugehen, die eine ganze Industrie ohne Beweise pauschal verdächtigen und auf sie eindreschen, als würden dort kleine Kinder verspeist.

Ich wurde beim Nachdenken nämlich das Gefühl nicht los, dass die ganze Diskussion nur eine Art Stellvertreter-Debatte ist. Dass es in Wahrheit gar nicht nur um die unterstellte Abzocke durch die Hersteller von Elektro-, Elektronik- und IT-Produkten geht, sondern um ein sehr viel tiefer liegendes Problem.

Warum, habe ich mich gefragt, löst ein Thema, das uralt ist (es lässt sich bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts verfolgen!), ganz plötzlich derart heftige Reaktionen aus? Bloß weil ein selbsternannter deutscher „Experte” (was legitimiert den eigentlich?) plötzlich Beweise für unlautere Manipulationen gefunden haben will? Weil die Grünen neben dem Autofahrer-Bashing endlich das wahrhaft Böse in Form der Elektroindustrie identifiziert haben? Das will ich nicht glauben.

Während die Grünen in Deutschland mit der bemerkenswert schwachsinnigen Idee einer Kennzeichnungspflicht für die „zu erwartende Lebensdauer von Elektroprodukten” aufhorchen lassen, versucht sich Selbstdarsteller Stefan Schridde – sein Lebenslauf weist zwischen 1989 und 2003 zwölf(!) verschiedene Jobs aus – in breiter Eigen-PR. Er bietet, selbstverständlich vollkommen objektive und wissenschaftlich fundierte, Studien an, die die deutschen Grünen in Auftrag geben und anschließend begeistert zitieren. Ein Schalk, wer Böses denkt.

Der wissenschaftliche Leiter der Stiftung Warentest, Jürgen Nadler, jedenfalls weist die freche Vereinnahmung durch Stefan Schridde – der hatte behauptet, die StiWa hätte Beweise für die geplante Obsoleszenz bei Elektroprodukten gefunden – empört zurück: „Wir haben keine Informationen darüber, dass auch höherwertige Produkte heute öfter kaputtgehen”. Bloße Verschwörungstheorien seien das, sagt Nadler. Spekulation also.

Und dann ist da noch unser aller Minister für Soziales und Konsumentenschutz. Herr Hundstorfer hört politisches Kleingeld klingeln und kann seinen Beißreflex nicht mehr kontrollieren. Dabei vergisst er geflissentlich, dass unser Rechtssystem vor einem Urteilsspruch so lästige Dinge wie eine Beweisaufnahme vorsieht und wiederholt einem Mantra gleich populistische Pauschalverdächtigungen, die alles vermissen lassen, was man selbst mit viel gutem Willen noch als substanziell bezeichnen könnte. Ein politisches Trauerspiel. Die Gewinner: Die schwarzen Schafe (die es vermutlich gibt), die in der Masse der Pauschalverdächtigten untertauchen werden. Die Verlierer: alle anderen, inklusive Handel und den dort Beschäftigten.

Ganz nebenbei werden in der ganzen Diskussion zwei völlig verschiedene Dinge ganz bewusst(?) in einen Topf geworfen: Nämlich Produkte mit billigst produziertem Innenleben und der damit verbundenen überschaubaren Lebenserwartung (was nicht illegal ist, sondern eine logische Marktreaktion auf eine Gesellschaft, die nach immer niedrigeren Preisen giert). Und Produkte, mit absichtlich eingebauten und „kalkulierten” Sollbruchstellen, die nach einer genau definierten Zeit und/oder Benutzungsintensität kaputtgehen sollen, um den Neukauf anzukurbeln. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Paar Schuhe. Wobei Produkte der ersten Kategorie überall zu finden sind, die Existenz von Produkten der zweiten derzeit bloße Spekulation ist.

Warum gehen die Wogen trotz einer dünnen Indiziensuppe also derart hoch? Warum stürzen sich Konsumenten, Medien und Politiker blindwütig auf die Elektroindustrie und beschuldigen diese pauschal betrügerischer Methoden?

Ich denke, das kommt daher, weil viele Menschen (mich eingeschlossen) ein diffuses, aber starkes Unbehagen verspüren. Ein Unbehagen, das aus dem Bauch heraus kommt und nicht richtig festzumachen ist. Das alarmierende Gefühl, dass ein breiter Wertewandel stattfindet, der sich längst schon verselbstständigt hat und unsere Gesellschaft in eine Richtung verändert, der wir zu recht mit  großem Misstrauen begegnen. Das Gefühl, nur mehr Passagier zu sein und einem Piloten vertrauen zu müssen, der Loopings dreht und ins Mikrofon lallt. Das macht uns ängstlich und aggressiv gegen Dinge, die sich leicht fassen und risikolos benennen lassen. Ganz im Gegensatz etwa zu den unseligen Veränderungen in der Arbeitswelt, gegen die sich aufzulehnen eine unmittelbare existenzielle Gefahr mit sich bringt.

Also alterieren wir uns über (reales) Pferdefleisch in der Lasagne und (irreale?) Zeitzünder in Elektroprodukten. Und bekämpfen weiterhin nur die Symptome, nicht jedoch die Ursachen fataler Fehlentwicklungen.

Andreas Rockenbauer, 15.5.2013