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Österreichs Insiderblatt für die Elektrobranche | Dienstag, 21. November 2017
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elektro.at am Sonntag – KW 31:

Hier die gesammelten Ein-, An- und Aussichten des E&W-Newsletters am ersten Augustsonntag.



Rückschau mit Jetzt-Bezug
Ein Sommer wie damals…

Wolfgang Schalko, 6.8.2017
Über Kommunikation und ihre Fußangeln
Reden wir drüber

Andreas Rockenbauer, 6.8.2017
Meinung
Das „Linke-Lade-Problem“

Wolfgang Grasl, S. Bruckbauer, 6.8.2017
Begegnung
Relikt aus längst vergangenen Tagen

Stefanie Bruckbauer, 6.8.2017
Gedanken zum Tag: Von der eigenen Filterblase
Too long, didn’t read

Dominik Schebach, 6.8.2017
Postings auf elektro.at
Das meinen unsere Leser

Wolfgang Schalko, 6.8.2017


Andreas Rockenbauer, 6.8.2017

Über Kommunikation und ihre Fußangeln

Reden wir drüber

Viele zwischenmenschliche Probleme haben ihre Ursache in simplen Kommunikationsstörungen und könnten mit etwas guten Willen leicht vermieden werden. Paul Watzlawick hat sich Zeit seines Lebens (er starb 85jährig 2007) mit der Kommunikation zwischen Menschen beschäftigt und wusste viele paradoxe Geschichten zu erzählen...

Angesichts des Kalten Kriegs, der in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zwischen den USA und Russland die Welt jahrzehntelang in Atem hielt, nahm er sich unter anderem der Missverständnisse an, die bei Verhandlungen zwischen zwei Parteien entstehen können (noch dazu, wenn sie sich in verschiedenen Sprachen unterhalten) und schlug eine Lösung vor, um diese bereits im Keim zu entschärfen. Ob das tatsächlich umgesetzt wurden, weiß ich nicht. Was ich aus eigener Erfahrung weiß ist, dass die Ideen von Paul Watzlawick abseits des Kalten Kriegs auch in der persönlichen Kommunikation hohe Relevanz haben.

Watzlawick erkannte, dass ernste Konflikte oft ihren Ausgang in der Tatsache haben, dass der Empfänger einer Botschaft etwas anderes versteht, als der Sender ausdrücken wollte und der Empfänger daher auf das vom Sender gesagte, aus dessen Sicht völlig inadäquat antwortet. Darauf reagiert der Sender seinerseits oft auf eine Weise, die beim Empfänger wiederum Unverständnis hervorruft. Eine Spirale beginnt sich zu drehen, an deren Beginn bloß ein einziges Missverständnis stand, das eine Kette von weiteren in Gang setzt.

Um diesem Konfliktpotenzial entgegenzuwirken, schlug Watzlawick als Prozedere bei heiklen Verhandlungen (aber nicht nur bei diesen) ein Protokoll vor, bei dem zwischen Sprecher und Empfänger eine zusätzliche Bestätigungs-/Rückfrageebene eingezogen wird.

Konkret bedeutet das: Sprecher A sagt etwas zu Empfänger B. Daraufhin teilt Empfänger B Sprecher A mit, wie er Gesagte verstanden hat. Erst, wenn Sprecher A Empfänger B zu verstehen gibt, dass dessen Interpretation richtig war, darf Empfänger B auf das Gesagte von Sprecher A antworten.

Hält Sprecher A die Interpretation von Empfänger B für nicht korrekt, teilt er das Empfänger B mit und unternimmt einen weiteren Anlauf, seine Botschaft verständlich zu machen. Das klingt erstmal fürchterlich umständlich und formal, ist aber bei näherer Betrachtung recht praktisch und eine hervorragende Möglichkeit, die Gefahr von Missverständnissen zwischen zwei Gesprächspartnern zu minimieren und Konflikte, die daraus entstehen würden, im Keim zu ersticken.

Wie wichtig das ist, sehen wir tagtäglich unter anderem bei der Kommunikation über soziale Kanäle im Internet bzw über eMail: Fehlinterpretationen von schriftlichen Statements enden nicht selten in ernsten Zerwürfnissen. Im Falle mündlicher Kommunikation ist diese Gefahr nicht ganz so groß, weil die gesprochenen Worte in einen komplexen Kontext (Mimik und Körpersprache des Gegenübers, Betonung der Worte usw.) eingebettet sind. Unterschätzt darf sie dennoch nicht werden.

Zu einem weiteren Thema der zwischenmenschlichen Kommunikation – das vor allem in langjährigen Beziehungen oft zu Streit führt – habe ich vor Jahren schon eine hübsche Fabel mit dem Titel „Großer Aufruhr im Wald” gefunden (und im E&W-Editorial 10/2013 behandelt). Deren Verfasser konnte ich leider nicht eruieren. Sie illustriert auf sehr anschauliche Weise die Bedeutung des Miteinanderredens und die Gefahr der (stillschweigenden) Voraussetzung, der Andere müsse wissen, was man sich wünsche bzw. erwarte.

„Im Wald herrscht große Aufregung. Es geht das Gerücht um, dass der Bär über eine Todesliste verfügt und alle Tiere um ihr Leben fürchten müssen. Wer tatsächlich auf der Liste steht, weiß niemand. – Außer der Bär selbst. Nach einigen schlimmen Tagen voller Angst nimmt der Hirsch all seinen Mut zusammen, geht zum Bären und fragt ihn: „Sag mal, Bär, steh’ ich auf deiner Liste?” Der Bär sieht den Hirsch an, nickt langsam und antwortet: „Ja, dein Name steht auf der Liste.” Mit hängendem Geweih marschiert der Hirsch zurück – und wird zwei Tage später tot aufgefunden. Die Gerüchteküche brodelt noch stärker als je zuvor, die Angst der Waldbewohner steigt von Stunde zu Stunde, eine einzige Frage beherrscht die Waldgesellschaft: „Wer steht noch auf der Liste?”

Als Nächstes fasst sich der Fuchs ein Herz. Er sucht den Bären auf, und fragt ihn, ob auch er, der Fuchs, auf der Liste stehe. „Ja”, sagt der Bär, „du stehst auch auf meiner Liste.” Völlig verängstigt läuft der Fuchs davon. Auch ihn findet man zwei Tage später tot auf. Nun bricht Panik bei den Waldbewohnern aus. Einzig der Hase denkt sich, dass es nicht mehr schlimmer kommen könne und traut sich zum Bären. Er fragt ihn: „Sag mal, Bär, steh’ ich auch auf deiner Liste?”. Und auch ihm antwortet der Bär: „Ja, du stehst auch auf meiner Liste.” Da überlegt der Hase kurz und bittet den Bären: „Sag mal, könntest du mich von deiner Liste streichen?” Darauf zuckt der Bär die Schultern und antwortet: „Klar, kann ich machen. Kein Problem.” Und streicht den Hasen von der Liste.

Was da in eine kurze Fabel verpackt wurde, begegnet uns im täglichen Leben auf Schritt und Tritt: Unnötige Komplikationen, Ängste, Unsicherheiten und Enttäuschungen, bloß weil man nicht miteinander redet. Schon der Systemtheoretiker Niklas Luhmann war überzeugt: „Soziale Systeme bestehen ausschließlich aus Kommunikation.” Man könne nicht nicht kommunizieren, war auch Paul Watzlawick überzeugt und meinte damit, dass man selbst dadurch, dass man etwas nicht sage, sehr viel ausdrücke. Die Gefahr der Fehlinterpretation ist dann aber besonders groß.

Es ist bekannt, dass wir – jeder für sich – ein sehr individuelles Bild der Realität haben, weil unsere Sinnesorgane nur einen kleinen Teil zu unserer Weltsicht beitragen. Der überwiegende Teil entsteht im Gehirn. Schon der Kybernetiker Heinz von Förster sprach daher davon, dass wir unsere Realität ununterbrochen „errechnen” würden und das Gehirn unser wichtigstes „Sinnesorgan” sei. Es liegt daher auf der Hand, dass wir unsere unterschiedlichen Realitäten am besten bei persönlichen Gesprächen miteinander regelmäßig abgleichen müssen, um Verständnis für die Sicht des jeweils anderen zu bekommen. Das muss man ernst nehmen. Aktive Kommunikation von Angesicht zu Angesicht kann durch nichts ersetzt werden. Und wenn Sie anderer Meinung sind, reden wir einfach mal drüber ...

Andreas Rockenbauer, 6.8.2017