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Österreichs Insiderblatt für die Elektrobranche | Dienstag, 21. November 2017
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Ingmar Höbarth (Geschäftsführer Klima- und Energiefonds), Michael Stadler (Leiter des Bereichs „Intelligente Netze und Mikro-Netze“ am K1-Kompetenzzentrum BIOENERGY 2020+), Georg Günsberg (Politik- und Strategieberatung, Autor des Faktencheck Energiewende 2017/2018) und Peter Püspök (Präsident Erneuerbare Energie Österreich) räumen mit Mythen zum Energiesystem auf (v.l.n.r.; ©Klima- und Energiefonds/APA-Fotoservice/Rastegar).


Wolfgang Schalko, 9.11.2017

Klima- und Energiefonds

Faktencheck Energiewende 2017/2018

Der Erfolg der erneuerbaren Energien, die Dezentralisierung, die aufstrebende Elektromobilität und die Digitalisierung verändern unser Energiesystem grundlegend. Das bestätigt der „Faktencheck Energiewende 2017/2018“, den der Klima- und Energiefonds und Erneuerbare Energie Österreich gestern präsentierten. Bereits zum vierten Mal räumen die Herausgeber mit aktuellen Mythen rund um die Energieversorgung der Zukunft auf.

Auf den Tag genau ein Jahr nach der Wahl von US-Präsident Trump und kurz nach Beginn der Weltklimakonferenz in Bonn sind sich die Experten einig: Ein Comeback der Kohle findet nicht statt. „Donald Trump hat die Energiewende nicht zum Stocken gebracht, im Gegenteil: die Weltengemeinschaft ist näher zusammengerückt und bekennt sich umso entschlossener zu den Pariser Zielen", betont Ingmar Höbarth, Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds. „Ein Musterbeispiel dafür ist die Energiegewinnung aus Kohle: Seit 2013 sinkt die Stromproduktion auf Basis von Kohle kontinuierlich, die Zahl neu geplanter Kohlekraftwerke geht global sogar um 62 % zurück. Zugkraft dieser Entwicklung sind vor allem die sinkenden Kosten im Bereich Windkraft und Photovoltaik."

Die Prognosen der Energiebehörden in Sachen erneuerbarer Energie wurden jedes Jahr von der Realität übertroffen, die Technologieentwicklung massiv unterschätzt. Dass fossile Energieträger auch in Zukunft den Markt dominieren würden, ist ein Mythos, den aktuellen Marktzahlen 2016 klar widerlegen: Fast zwei Drittel der neu geschaffenen Stromerzeugungskapazität weltweit kommen mittlerweile von erneuerbaren Energieträgern. Insbesondere die Photovoltaik hat deutlich zugelegt. In den kommenden fünf Jahren rechnet die Internationale Energieagentur (IEA) mit einem Kapazitätszuwachs aus regenerativen Quellen um 43 Prozent. Allein dieser Zubau entspricht knapp der Hälfte der weltweiten Gesamtkapazität aus Kohle (ca. 2.000 Gigawatt), deren Aufbau 80 Jahre dauerte. Peter Püspök, Präsident Erneuerbare Energie Österreich, unterstreicht: „Erneuerbare Energien und Energieeffizienz sind Wachstumsmärkte mit großer Perspektive. Österreich hat große Chancen, in diesem globalen Markt mitzuspielen, wenn es uns gelingt, neue Marktregeln zu schaffen und die Ungerechtigkeiten zu Gunsten bestehender fossiler Kraftwerke zu beseitigen. Das derzeitige Marktsystem lässt keine sichere Finanzierung neuer Kraftwerke zu, der Strompreis liegt weit unter den Vollkosten aller Erzeugungsformen von elektrischem Strom."

Dezentralisierung und Dekarbonisierung

Österreich ist prädestiniert dafür, Musterland in Sachen erneuerbarer Energie zu sein: mit einem Anteil von 70% an der Stromversorgung und 33% an der gesamten Energieerzeugung liegen wir schon heute im europäischen Spitzenfeld. Der Faktencheck zeigt anhand zahlreicher Studien, dass ein Energiesystem, das zu 100 % aus erneuerbaren Quellen gespeist wird, technisch und wirtschaftlich machbar ist. Wesentliche Voraussetzung ist der Ausbau der regenerativen Energieerzeugung, die konsequente Umsetzung von Energieeffizienz und die Etablierung intelligenter Netze und flexibler Strukturen, betont der renommierte Energieforscher Michael Stadler, Area Manager BIOENERGY 2020+: „Kleine, lokale Energienetze – so genannte Microgrids –, die Haushalte und Betriebe individuell mit Strom, Wärme und Kälte versorgen und bei Bedarf auch vom Netz entkoppelt werden können, erhöhen die Systemeffizienz enorm." Eine besondere Bedeutung kommt dem Stromsektor zu. Dieser wird von der weltweit enormen technologischen Entwicklung bei Erneuerbaren und Speichertechnologien geprägt. „Auch ein durch die Integration von Wärme, Energie und Mobilität erhöhter Strombedarf ist bis 2030 zu 100 % aus erneuerbaren Quellen abdeckbar. Zusätzlich würde der vollständige Umstieg auf Erneuerbare zehntausende neue Arbeitsplätze schaffen", bekräftigt Höbarth.

E-Mobilität als Treiber der Energiewende

Der Verkehrsbereich ist mit rund 35 Prozent im Jahr 2016 Österreichs größter Energieverbraucher und nach dem Energie- und Industriesektor mit 28 Prozent am Gesamtausstoß auch zweitgrößter Treibhausgasemittent. Die Elektromobilität ist daher eine der Schlüssellösungen für die Dekarbonisierung des Verkehrs. Sinkende Kosten in der Batterieproduktion, höhere Reichweiten und neue Automodelle verhelfen ihr derzeit zum Durchbruch. Höbarth verweist auf den im September erschienenen Faktencheck E-Mobilität und unterstreicht: „Die Elektromobilität wird zum Treiber der erneuerbaren Energiewende, vorausgesetzt der dafür benötigte Strom stammt aus Ökostromanlagen. Betrachtet man den gesamten Fahrzeug-Lebenszyklus, emittieren Elektroautos 70 bis 90% weniger Treibhausgase als fossil betriebene Kfz."

Der Faktencheck: Trendbarometer, Argumentarium, Nachschlagewerk

Der „Faktencheck Energiewende 2017/2018" bietet eine umfassende Aufarbeitung der aktuellsten Daten, Fakten und Argumente in der klima- und energiepolitischen Diskussion. Er zeigt auf Basis internationaler Studien in zehn Kapiteln wirtschaftliche und ökologische Trends und entkräftet mit Fakten die gängigsten Mythen rund um das Thema „Energiewende". In innovativer, multimedialer Aufbereitung ist er als Print- und Onlineversion Argumentationsleitfaden, Nachschlagewerk und Wegweiser für die notwendigen Weichenstellungen in den Bereichen Klimaschutz und Energiepolitik. Der Faktencheck Energiewende wird vom Klima- und Energiefonds und Erneuerbare Energie Österreich herausgegeben. Inhaltlich wurde der Faktencheck vom Klima- und Energiepolitikexperten Georg Günsberg ausgearbeitet.

Wolfgang Schalko, 9.11.2017