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Österreichs Insiderblatt für die Elektrobranche | Freitag, 23. Juni 2017
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Mit der 2012 gestarteten Plattform „Murks? Nein Danke!“ möchte der Deutsche Stefan Schridde auf das „Problem der geplanten Obsoleszenz“ aufmerksam machen. (Bild: murks-nein-danke.de)

Stefanie Bruckbauer, 14.6.2013, Story-Link:1378012

AK-Tagung

Gekauft und schon kaputt

Unter dem Titel „Gekauft und schon kaputt“ fand diese Woche im Arbeiterkammer Bildungszentrum eine Tagung statt, bei der das Thema Obsoleszenz in all seinen Facetten beleuchtet wurde. Experten (echte und auch selbsternannte) referierten u.a. über die historische Entwicklung, über Arten, Ursachen und Auswirkungen der Obsoleszenz. Auch der Deutsche Stefan Schridde (Initiator der aktuellen Obsoleszenz-Diskussion im deutschsprachigen Raum) und Sepp Eisenriegler (R.U.S.Z. Gründer und Obsoleszenz-Themenführer in Österreich) sowie der stellvertretende FEEI-GF Manfred Müllner (als Gegenpart) waren unter den Rednern. 

Die Kronen Zeitung titelte heute „Erstes Gipfeltreffen gegen die Produktmanipulation! Geplante Obsoleszenz wird nicht mehr totgeschwiegen“. Ganz so reißerisch wie diese Beschreibung war das Event dann doch nicht, obwohl: Der große Saal des AK Bildungszentrums war gut besucht und die Diskussionen lebhaft.

Historie

Prof. Dr. Renate Hübner vom Institut für Interventionsforschung und Kulturelle Nachhaltigkeit war die erste Referentin des Tages und sie sprach über die historische Entwicklung und Typologisierung von geplanter Obsoleszenz. Die Geschichte des Themas ist echt spannend. Der Ursprung liegt länger zurück als gedacht. Es war in den USA der 1920-iger Jahre als Strategien der Produktlebensdauerverkürzung in der PKW- und Glühbirnen -Industrie aufkeimten – das „Phöbus-Kartell“ ist in diesem Zusammenhang sicher vielen ein Begriff. Der Zweck, den einzelne  Unternehmen mit dieser Strategie verfolgten war – ganz klar – die Steigerung der Verkaufszahlen, das Animieren der Verbraucher zu einem frühzeitigen Neukauf. 

1932 kam erstmals der Begriff „planned Obsolescence“ auf und zwar als Bernard London sein Pamphlet „Ending the Depression trough Planned Obsolescence“ veröffentlichte. Um die Wirtschaftskrise zu bekämpfen schlug London darin vor, Menschen, die Produkte (wie alte Autos, alte Kleidung, alte Radios, etc) länger in Gebrauch haben, als deren „Verfallszeit“ vorsieht, zu besteuern. 

1947 kam es zu einer kleinen begrifflichen Veränderung. Es wurde plötzlich nicht mehr von „geplanter“ sondern von „zweckvoller“ Obsoleszenz gesprochen. In einem Artikel, erschienen in einer wirtschaftswissenschaftlichen Zeitung, wurde empfohlen, Konsumenten zu früheren Ersatzkäufen zu motivieren.

1954 kam das Thema als Konzept in der Werbung an. In einer werbewissenschaftlichen Konferenz wurde definiert: Der Verbraucher soll etwas haben wollen, ohne dass er es wirklich braucht. Der Verbraucher soll ein Produkt begehren, das ein bisschen neuer, ein bisschen besser ist, er soll es ein bisschen früher als notwendig besitzen wollen.

1960 wurde mit dem Buch „The Waste Makers“ erste Kritik in den USA laut. 1968 kam das Thema spät aber doch auch in Europa an, 1976 gab es in Deutschland die erste wissenschaftliche Untersuchung in der die Nachweisbarkeit von Obsoleszenzstrategien überprüft wurde und 1983 wurde geplante Obsoleszenz erstmals als Rechtsproblem analysiert.

Ab den 1990-er Jahren ging der Weg wieder in die andere Richtung: Es wurde viel dafür getan, die Lebensdauer von Produkten zu verlängern, es gab den ersten Ökodesign Wettbewerb in Österreich, das Recycling wurde forciert.

2000 kam die geplante Obsoleszenz als „Problem“ in Forschung und Medien an, es erschienen zahlreiche Bücher zum Thema. Als uns dann 2009 allerdings die Wirtschaftskrise einholte, wurde Obsoleszenz als Instrument dagegen eingesetzt. Abwrackprämien bzw Umweltprämien wurden eingeführt und die Zinsen gesenkt, um die Kaufkraft, die Nachfrage, den privaten Konsum zu erhöhen.

Typologien

Es gibt unzählige Versuche Obsoleszenz zu Kategorisieren, Typologisieren. Laut Renate Hübner muss grundsätzlich unterschieden werden: Was ist geplant? Was ist natürlich? Zudem muss man unterscheiden zwischen Lebensdauer und Nutzungsdauer eines Produktes. Die Lebensdauer eines Produktes liegt in Händen des Herstellers und sie ist abhängig vom Design, der Reparierbarkeit, von Ersatzteilstrategien und Serviceangeboten. Und – ganz wichtig: Die Lebensdauer endet mit der Nutzbarkeit.

Die Nutzungsdauer eines Produktes endet entweder dann wenn das Produkt kaputt ist oder wenn der Konsument das Interesse daran verliert. Die Nutzungsdauer ist abhängig vom Produktdesign, von Funktionen und vom Umgang mit dem Produkt (also wie intensiv wird es genutzt, wird es richtig genutzt, wird es gewartet und gepflegt, ...). Und – ganz wichtig: Die Nutzungsdauer eines Produktes endet mit dem Ende des Nutzungsinteresses bzw. mit dem Ende der Nutzbarkeit, also der Lebensdauer.

Interessant ist auch: „Zwischen 30% und 60% der weggeworfenen Güter funktionieren noch“, wie Hübner anführte.

Umwelt

Was sich auf unserem Planeten umwelttechnisch so tut, ist kein Spaß mehr. Die Zahlen sind beängstigend, wie Sigrid Stagl vom Institut für Regional- und Umweltwirtschaft ausführte. Wir haben in manchen Bereichen die planetarischen Grenzen bereits erreicht. Der Ausweg hieße „Entkoppelung“. Allerdings ist es uns noch nicht gelungen, das Wirtschaftswachstum vom Verbrauch an Rohstoff- und Energieressourcen zu entkoppeln. Das heißt, mit dem Wirtschaftswachstum steigt der Verbrauch stetig weiter an, auch wenn wir diesen Anstieg durch mehr Effizienz etwas verlangsamen konnten.

Das Problem ist, dass unser Wirtschaftssystem eher nach einem guten Bruttoinlandsprodukt trachtet, als nach einer gesunden Umwelt. Der richtige Weg wäre eine nachhaltige Entwicklung. Nachhaltige Entwicklung versucht, die drei Bereiche Wirtschaft, Natur und Soziales unter einen Hut zu bringen. Der Naturverbrauch muss sinken und im sozialen Bereich soll die Lebensqualität der Menschen bei sinkendem Ressourcenverbrauch steigen. Damit ergibt sich, dass das was wachsen soll, die Lebensqualität ist. Nachhaltiges Wachstum ist also ein Wachstum der Lebensqualität bei sinkendem Ressourcenverbrauch. Nachhaltigkeit sollte der Treiber für Innovationen sein.

„Ausreichend“

Unter dem Titel „Ausreichend“ hielt Peter Knobloch vom Institut für Design seinen Vortrag. Seiner Meinung nach, liegt die Schwierigkeit in der Feststellung von Obsoleszenz, „die Motivation dahinter lässt sich selten feststellen.“ Zudem erklärte er, dass manche Produkte einem höheren Innovationsdruck unterliegen, zB Fernseher. Im Vergleich dazu unterliegen beispielsweise Bügeleisen keinem sehr hohen Innovationsdruck.

Das Ende der Nutzungsdauer eines Produktes kann Knoblochs Meinung nach mehrere Ursachen haben.

  • Entweder liegt ein Totalschaden des Produktes durch eine schadhaft gewordene Komponente vor.
  • Oder das Produkt ist nicht mehr sinnvoll einsetzbar, zB Schellaks, VHS Kassetten, etc. Oder das passende Verbrauchsmaterial ist nicht mehr verfügbar (zB wenn es für das eine Staubsaugermodell plötzlich keine passenden Staubbeutel mehr gibt).
  • Oder ein passendes Verschleißteil ist nicht mehr verfügbar (zB der Akku der alten Kamera ist nicht mehr erhältlich)

Ich kaufe also bin ich

Prof. Dr. Eduard Brandstätter von der Johannes Kepler Universität sprach über psychologische Obsoleszenz. Das bedeutet, ein Produkt wird als überholt, veraltet oder verschlissen betrachtet, obwohl es noch funktioniert. Schuld daran sind Marketing und Werbung, die uns permanent eintrichtern, das Neueste als Statussymbol haben zu müssen, denn sonst gehören wir nicht dazu. Brandstätter: „Status ist Überflüssiges! Der Mensch zeigt durch Überflüssiges seinen Status. Wer braucht denn wirklich einen Ferrari? Der alte Opel fährt auch noch. Oder Mode: Man kommt mit zwei Wintermänteln sicher sein ganzes Leben lang durch. Wir kaufen laufend neue Kleidung, obwohl die alte noch funktioniert!“

Seine Tipps, um der psychologischen Obsoleszenz zu entkommen: Raus aus der Opferrolle und verantwortungsvoll handeln, hochwertige Produkte kaufen, extreme Designs vermeiden (denn die sind bald wieder out und das Produkt somit unbrauchbar). Zudem müssen Werte wie zB der Status neu definiert werden. Der Konsument hat Brandstätters Meinung nach die Marktmacht, er entscheidet was gut ankommt und was nicht.

Brandstätter brachte übrigens ein ganz interessantes Beispiel für die immer kürzer werdenden Produktzyklen: So wurde der Golf Eins und auch der Golf Zwei jeweils neun Jahre lang produziert. Der Golf sechs wird bereits nach vier Jahren durch das Nachfolgemodell ersetzt. „Das entspricht einer Verkürzung des Produktzyklus um mehr als 50%“, so Brandstätter.

„Murks? Nein Danke!“

Als letzter Redner trat sehr wirkungsvoll der Deutsche Stefan Schridde auf. Mit seiner 2012 gegründeten Plattform „Murks? Nein Danke!“ möchte er auf das Thema geplante Obsoleszenz aufmerksam machen. Er fordert Konsumenten auf seiner Homepage dazu auf, ihre Erfahrungen mit kurzlebigen Produkten bzw mit tatsächlicher oder vermuteter Manipulation zu posten – mittlerweile hat er mehr als 3000 Postings gesammelt. Rund 7 Millionen Menschen besuchten die Murks-Seite bereits und durch die breite Medienberichterstattung, die Schridde mit seiner Kampagne erzielt hat, wurden noch mehr Leser erreicht. Im April dieses Jahres gründete Schridde in Deutschland einen Verein gegen geplante Obsoleszenz. Im Anschluss an die AK Veranstaltung diese Woche, gründete er den dazugehörigen Verein in Österreich

Schridde brachte in seinem Vortrag die immer gleichen Beispiele für angebliche geplante Obsoleszenz: Minderwertige Kunststoffteile, zu gering dimensionierte Kondensatoren in TVs, die rasch überhitzen, geklebte statt geschraubte Stellen, versteckt eingebaute Zählwerke in Druckern (und mittlerweile auch Kaffeemaschinen), die das Gerät nach einer bestimmten Laufzeit vorzeitig in den Ruhestand schicken. Laut Schridde ist es alles andere Zufall, dass so viele Geräte frühzeitig den Geist aufgeben. Die Frage nach der Haltbarkeit eines Gerätes sei bei den Herstellern längst in den Hintergrund gerückt. Einzig wichtig sei, den Kunden kurzfristig zu begeistern: „Eine elektrische Zahnbürste muss sich gut in der Hand anfühlen. Das ein fix verbauter Akku die Lebensdauer deutlich verkürzt, ist zweitrangig.“

Schridde machte auch darauf aufmerksam, dass Waschmaschinen früher noch 15 Jahre lang im Einsatz waren, heute ist hingegen schon nach wenigen Jahren Schluss. R.U.S.Z.-Gründer Sepp Eisenriegler (im Interview in E&W 6/ 2013) bestätigt diese Aussage: „Als wir mit dem Reparaturzentrum begonnen haben, lag die durchschnittliche Gebrauchsdauer von Waschmaschinen noch bei zwölf Jahren. Heute liegt sie bei sechs Jahren.“ Eisenriegler brachte dazu ein anschauliches Beispiel, um sich mehr vorstellen zu können: „Jedes Jahr werden in Österreich mehr als 500.000 Waschmaschinen getauscht. Aneinandergereiht auf der Westautobahn reicht die Schlange von Wien über Salzburg hinaus.“

Gegenpart

Mit all den Obsoleszenz-Gläubigen wurde von der AK auch der stv. FEEI-GF Manfred Müllner zur Tagung eingeladen. Er sollte die Meinung der Industrie vertreten, wobei die Aufteilung ein wenig unfair war: Sieben Redner, die von der geplanten Manipulation überzeugt sind, gegen einen Vertreter der Gegenseite. Müllner versuchte sich gut zu schlagen, er hielt zwar keinen Vortrag, war aber bei der abschließenden Diskussion dabei. So sah Müllner zB überhaupt kein Problem darin, dass pro Jahr in Österreich so viele Waschmaschinen getauscht werden. „Ich bin sogar froh darüber“, entgegnete er den Verbraucherschützern, denn alte Geräte würden ja viel mehr Strom und Wasser verbrauchen, als veraltete Geräte. Daher sei ein Neukauf seiner Meinung nach ökologisch sinnvoll.

Ein Teil des Publikums schlug sich auf die Seite der Obsoleszenz-Gegner, eine Dame buhte sogar als Manfred Müllner auf die Bühne ging. Ein anderer Teil blieb der ganzen Thematik gegenüber eher skeptisch, so leicht ließe sich die Schuld nicht zuweisen, das ganze Thema sei viel zu komplex. Natürlich gab es auch Teilnehmer, die bis zum Schluss nicht verstanden haben, um was es geht: Ein Zuhörer stellte energisch die Frage: „Ich möchte jetzt ganz genau wissen, welche Summe sich ein Hersteller spart wenn er geplante Obsoleszenzen einbaut?!“

Stefanie Bruckbauer, 14.6.2013, Story-Link:1378012
        





HMH. | 17. 6. 2013, 13:57 Uhr
Stefan Schridde / MURKS? NEIN DANKE! | 14. 6. 2013, 23:10 Uhr