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Österreichs Insiderblatt für die Elektrobranche | Freitag, 22. Februar 2019
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Andreas Rockenbauer, 10.2.2019

Über die Sehnsucht nach und die Notwendigkeit von Neuanfängen

Der rasende Tisch

Ich weiß nicht, ob Erik das damals – in der fünften Klasse Gymnasium –  ernst gemeint hat, neige aber dazu, das anzunehmen, weil er zwar einerseits ein charmanter Spaßmacher, andererseits aber auch nicht der allerhellste Kopf war. Jedenfalls hat er – der Latein ebenso wie ich nicht zu seinen Lieblingsfächern zählte – auf die Frage der Lehrerin, wie man wohl „tabula rasa” übersetzen könne, geantwortet: „Der rasende Tisch”.

Das sorgte nicht nur für spontanen Heiterkeitsausbruch bei den Mitschülern, sondern wurde in der Jahre später erscheinenden Maturazeitung sogar „aktenkundig”. Wie die Lehrerin auf den Unsinn von Erik reagiert hat, weiß ich nicht mehr, nehme aber an, dass sie das weniger lustig gefunden hat.

Mit tabula rasa (die wörtliche Übersetzung bedeutet „abgeschabte Tafel”) war in der Antike eine leere Schreibtafel gemeint, was zwar nicht für ähnlich lustige Assoziationen sorgt, aber einen guten Hinweis auf die Bedeutung in unserem Sprachgebrauch gibt. Hier steht der Ausdruck für den sprichwörtlichen „reinen Tisch” als Symbol für einen Neubeginn.

Eingefallen ist mir diese so lange zurückliegende Geschichte vor ein paar Wochen, als mir klar wurde, dass der ganze Zirkus rund um Silvesterfeiern und Neujahrsvorsätze zwar auf bloßer – kultureller – Konvention beruht, die Funktion dahinter jedoch nicht unterschätzt werden darf. 

Ich denke, dass uns Menschen quer über den Globus eine tiefe Sehnsucht nach (Neu-)Anfängen verbindet und wir oft die verrücktesten Dinge anstellen, um die Vergangenheit hinter uns lassen zu können und unser Leben zumindest in einem Teilbereich zu „resetten”.

Daher sind wohl auch viele Menschen am 1. Jänner (oder Kater bedingt erst am Tag darauf) von einer gewissen Aufbruchstimmung erfüllt, deren Kerngedanke es ist, die Vergangenheit zu den Akten zu legen und die Zukunft mit neuer Kraft in Angriff nehmen zu können.

Blöderweise funktioniert das aber nicht so einfach, weil jeder von uns stets das Ergebnis seiner ganz persönlichen Geschichte ist und man aus eigener Erfahrung weiß, wie schwierig es ist, selbst kleinste Gewohnheiten nachhaltig zu ändern. Der reine Tisch ist selten ein solcher.

An der Schwierigkeit des Neubeginns scheitern auch viele Auswanderer, die oft nicht wahrhaben wollen, dass selbst der radikale Ortswechsel, den sie in Kauf genommen haben um ihre Umwelt so nachhaltig wie möglich zu ändern, nicht verhindert, dass sie ihren individuellen Rucksack in das „neue” Leben mitnehmen und es harte Arbeit bedeutet, diesen Rucksack Schicht für Schicht loszuwerden.

Da selbst die Illusion eines Neuanfangs in der Realität zumindest nach einer stabilen Absprungbasis als Startpunkt verlangt, haben wir uns ein paar davon als Dauerschleife – zumindest in einer „light Version” – selbst konstruiert. Und der Jahreswechsel ist so einer.

Parallel dazu – meist in zeitlicher Koinzidenz – steht auch die fiskalische Jahresbilanz an, die mir ein schönes Bild  für das Nachwirken von Historie zu sein scheint: Das Geschehene lässt sich auch im nüchternen Zahlenwerk nicht so einfach abschütteln und ist, etwa als Gewinn- bzw. Verlustvortrag, auch in der neuen Bilanz noch sichtbar.

Bei aller Schwierigkeit, bleibt nach dem Streichen überzogener Erwartungen zumindest, dass jede Art von Neubeginn, konstruiert oder vom Schicksal erzwungen, zu einem Innehalten einlädt. Zu einer konstruktiven Rückschau, aus der sich im besten Fall dann ein frischer Blick in die Zukunft modellieren lässt.

Beim Maxday 2008 philosophierte der Unternehmensberater Pero Micic in einem spannenden Vortrag über unternehmerische Blicke in die Zukunft und stellte die Frage, wie entscheidend für den Erfolg es wohl sei, gut überlegte Entscheidungen bezüglich der strategischen Ausrichtung von Unternehmen zu treffen. Bildhaft gesprochen: Entscheidungen vor(!) dem Aufbruch, welche Berge man auf welche Art mit welcher Ausrüstung besteigen wolle.

Als sich die Schätzungen aus dem Publikum zwischen 60 und 80% bewegten, erklärte Micic, dass bei langjährigen Befragungen stets ein durchschnittlicher Wert von 70% genannt wurde. Das bedeutet, dass wir intuitiv davon überzeugt sind, dass strategische Entscheidungen enorme Bedeutung für den späteren Erfolg haben – weit mehr als die darauf folgende Ausführung.

Um im Bild der Bergbesteigung zu bleiben: Das Besteigen selbst wäre dann nur noch ein kleiner Teil der Gesamtaufgabe – im Unternehmen mit dem Tagesgeschäft gleichzusetzen. Die wichtigste Leistung wäre schon vor dem Aufstieg erbracht.

Die daran anschließende Frage von Micic, wieviel Prozent der Arbeitszeit (bei 250 bis 300 Arbeitstagen im Jahr) man angesichts der Bedeutung von strategischen Überlegungen für das Nachdenken über die Zukunft in der Praxis investieren würde, bewegten sich die spontanen Antworten bei etwa zehn Prozent. Erst als klar war, dass das 25 bis 30 Arbeitstage wären, war die Unhaltbarkeit dieser Schätzung offensichtlich.

Zwei bis drei Prozent seien das bei gut gemanagten Unternehmen, betonte Micic, fügte jedoch rasch hinzu, dass das völlig in Ordnung sei: „Man kann nicht erwarten, dass man hier mehr tut, aber diese 2 bis 3% müssen mit großem Ernst und Engagement getan werden. Das ist die Herausforderung.” Damit Sie keinen Taschenrechner zur Hand nehmen müssen: 2% von 250 Tagen sind fünf ganze Arbeitstage... Alles klar?

Das regelmäßige Innehalten könnte also immer wieder eine Art Neubeginn „light” sein, der Manager davon bewahren kann, in die falsche Richtung zu laufen und sie gleichzeitig Luft holen lässt, das Gehirn reinigt und neue Kraft für den (richtigen) Aufstieg gibt. Um inmitten des fordernden Tagesgeschäftes, das uns nicht selten in eine Art Autismus fallen lässt, nicht darauf zu „vergessen”, sollte dieses Innehalten jedoch – auf welche Weise auch immer – institutionalisiert werden.

Zu dieser ganzen Thematik passend fällt mir ein Ausspruch von Systemtheoretiker Heinz von Förster ein: „Es steht uns immer frei, entsprechend jener Zukunft zu handeln, die wir uns schaffen wollen.” Das setzt jedoch voraus, dass wir wissen, welche Zukunft das sein soll.

Und auf die Frage, was das Management von ihm lernen könne, soll er geantwortet haben: „Von mir kann das Management gar nichts lernen. Von mir kann das Management nur lernen, dass es alles von seinen Mitarbeitern lernen kann.  Das ist vielleicht auch mal eine ganz interessante Idee...

Andreas Rockenbauer, 10.2.2019